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Laura Siegemund: "Keiner kann jeden Tag sein Bestes spielen"

Von der Zählweise beim Tennis, dem Umgang mit Big Points und der Fähigkeit, im entscheidenden Moment beim Wesentlichen bleiben zu können. Ein Gastbeitrag von Laura Siegemund.

Tennis ist kein Spiel, das man über die Zeit retten kann. Es basiert auf einer verzwickten Zählweise, durch die es bis zum Ende offen bleibt, wer gewinnt. Das Spiel kann jederzeit gedreht werden, auch wenn die Situation noch so ausweglos erscheint. Dadurch entsteht eine Dynamik wie in kaum einem anderen Sport, Spannung kann sich jederzeit bis zum letzten Punkt von Neuem und scheinbar aus dem Nichts aufbauen und die Spieler sowie die Zuschauer in ihren Bann ziehen. Auch wenn die Existenz von Big Points ein viel diskutiertes und umstrittenes Thema ist, so gibt es meiner Meinung nach tatsächlich Punkte, die wichtiger sind als andere und maßgeblichen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Spiels nehmen, auch wenn sie ihn noch nicht final entscheiden. Für die Spieler:in gilt es in diesen engen Spielsituationen, in denen es ums Ganze geht steht, die Coolness zu bewahren und sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Die Fähigkeit, hier zu unterscheiden, auf was es in wichtigen Momenten ankommt, was in der eigenen Macht liegt und was nicht, ist dabei zentral. Sie bestimmt als ein Hauptfaktor, ob ein:e Spieler:in am Ende Chancen noch aus der Hand gibt oder es schafft, das Match souverän zum Abschluss zu bringen und als Sieger vom Platz zu gehen.

Eine besondere Zählweise

Während der französische Vorläufer des Tennis, das „jeu de paume“, bereits auf das 14. und 15. Jahrhundert zurückgeht, findet Tennis mit überarbeiteten Regeln und der Art zu zählen, wie wir es heute kennen, seit 1877 statt. Für die von außen betrachtet scheinbar seltsame Zählweise mit Love-15-30-40 gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Einer dieser Erklärungsansätze besagt, dass die krummen Zählwerte aus der Höhe der Geldeinsätze und Spielwetten im 14. Jahrhundert in Frankreich entstanden seien. Ein weiterer Ansatz bezieht sich auf die damaligen Linien auf dem Feld, die markierten, wo ein Spieler sich nach Gewinn eines Punktes und vor Beginn des nächsten auf dem Feld zu platzieren hatte. Der Begriff „love“ für null ergab sich aus der Rede wendung playing for love (für die Liebe spielen, nicht fürs Geld) bzw. to be love (umsonst sein). In jedem Falle ist die Zählweise ungewöhnlich.

Aber der Spielverlauf und die gespielten Punkte haben nicht nur seltsame Bezeichnungen, sondern unterliegen auch einer Dynamik, wie sie in kaum einer anderen Sportart zu finden ist. Während im Fußball oder anderen zeitbegrenzten Sportarten ein Spielstand über die Zeit gerettet werden kann, ist dies im Tennis nicht möglich. Ein Match geht so lang, bis der letzte Punkt gespielt ist, das kann auch mal wie im längsten Tennismatch aller Zeiten zwischen John Isner und Nicolas Mahut in Wimbledon 2010 elf Stunden und fünf Minuten dauern. Aufgrund von Regen hatte sich dieses Rekordmatch über drei Tage gezogen und wurde am Ende am 24. Juni 2010 von Isner mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6 und 70:68 (!) entschieden.

Auch wenn das ein Extremfall war, so ist doch gewiss, dass ein Tennismatch keinen klaren zeitlichen Rahmen aufweist und in der Regel zwischen einer und vier Stunden dauert, je nach Spielertypen, Belag und Zählsystem (zwei oder drei Gewinnsätze, Tiebreak am Ende eines Satzes, dritter Satz als Matchtiebreak etc.). Im Durchschnitt dauert ein Match mit zwei Gewinnsätzen etwa neunzig Minuten und ein Match mit drei Gewinnsätzen rund zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten. Hinsichtlich der eigenen Einstellung zum Match ist es wichtig, sich dieser ungewissen Matchdauer von vornherein bewusst zu sein, schon bevor es überhaupt auf den Platz geht.

Das Beste aus den gegebenen Umständen machen bedeutet mentale Stärke

Sich bewusst auf die Hochs und Tiefs einlassen zu können, die sich in einem Tennismatch mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben, ist eine gewisse Kunst. Einfach ist es, von einem bestimmten Spielablauf auszugehen und dann nach innen und/oder nach außen gerichtet, damit zu hadern, wenn dieser nicht wie erwünscht eintritt. Wichtig für die eigene Leistung ist aber nicht nur, das Match in seiner Gänze akzeptieren und genießen zu können, eben mit all seinen Berg- und Talfahrten, sondern auch die eigene Tagesform anzuerkennen. Keiner kann jeden Tag sein Bestes spielen. Die Tage, an denen alles wie am Schnürchen läuft, sind selbst über die Länge einer ganzen Karriere hinweg an einer Hand abzuzählen. Ein deutlich wahrscheinlicheres Szenario ist, dass an einem Match Tag mindestens eine Sache, oft aber gleich mehrere Dinge, nicht so laufen, wie wir es uns vorstellen. Hier bereit zu sein, das Beste aus den an diesem Tag, in diesem Moment gegebenen Umständen zu machen, bedeutet letztlich mentale Stärke und am Ende auch spielerische Qualität.

Die Wendung eines Matches und der Umgang mit störenden Gedanken

Da es in einem Match jederzeit zu unerwarteten Wendungen kommen kann, sollte sich ein:e Spieler:in zweier weiterer Dinge im Klaren sein:

Erstens muss man in jedem Fall bis zum tatsächlichen Sieg immer weiter Punkte einfahren, es reicht nicht, einen erarbeiteten Vorsprung über die Zeit bringen zu wollen. Das klingt einfacher, als es ist. Erfahrungsgemäß findet Rückschritt ab dem Moment statt, sobald man anfängt, sich auf dem bisher Erspielten auszuruhen. Wenn man glaubt, es laufe nun von allein weiter und man könne einfach so weiterspielen, dann beginnt sich in diesem Moment in vielen Fällen das Blatt zu wenden. Es ist wie verhext, eine Art Schalter, der sich imaginär umlegt auf dem Spielfeld und dessen Einfluss beide Spielerparteien spüren. Phasen, in denen es möglich ist, sich etwas auszuruhen und sich gewissermaßen zu schonen, gibt es in einem Tennismatch nicht. Der Fokus darf nie verloren gehen, selbst wenn die Dinge gut laufen. Letztlich ist es dabei egal, ob man bis zum Ende Punkte selbst macht, Winner spielt, dominiert, also aktiv Punkte einfährt, oder ob man in der Lage ist, den:die Gegner:in zu Fehlern zu verleiten und ihn:sie auf eher passive Art dazu bringt, in sein:ihr Unglück zu schlittern: Unterm Strich müssen bis zum Ende Punkte her, um als Sieger:in vom Platz zu gehen.

Daraus ergibt sich zweitens im Umkehrschluss Folgendes: Der:die Verlierende hat jederzeit und bis zum tatsächlich verwandelten Matchball die Möglichkeit, das Spiel noch zu wenden. Dieser Umstand sollte dem:der Führenden stets bewusst bleiben. Die Kuriosität der Zählweise geht sogar so weit, dass im Tennis ein Match gewonnen werden kann, selbst wenn ein:e Spieler:in insgesamt weniger Punkte gesammelt hat als der:die Gegner:in. In seinen ausführlichen Studien zum sogenannten „Quasi Simpson Paradox (QSP)“ zeigen Wright et al. (2013), dass der Durchschnittswert gewonnener Matches trotz weniger erzielter Punkte bei Männern im Schnitt über alle Turniere und Beläge bei 4,5 Prozent liegt, bei Frauen bei 3,5 Prozent. Durchschnittswerte für gewonnene Matches trotz weniger gewonnener Spiele liegen noch weiter darunter, sie rangieren bei Männern etwas über, bei Frauen etwas unter 2 Prozent. Es wird also klar: Den stichhaltigen Beweis, wie eng oder klar ein Match verlaufen ist, liefert nicht unbedingt das Ergebnis. Ein aussagestärkerer Beleg ist der Vergleich der absolut gewonnen Punkte.

Eine mühelose Führung geht doch noch verloren

Ein anderes, bekanntes und faszinierendes Phänomen ist die Dynamik, die entsteht, wenn ein:e Spieler:in scheinbar mühelos führt und dem Sieg dann greifbar nahekommt, sich auf den letzten Metern aber das Spiel noch dreht . Jede:r, der:die Tennis spielt oder coacht, kennt diesen Moment, wenn sich in einem Match plötzlich etwas verändert auf dem Platz, wenn ein:e Spieler:in haushoch führt und dann auf einmal zwei, drei Spielsituationen nicht mehr so laufen wie zuvor und der:die eigentlich Verlierende dadurch wie aus dem Nichts Aufwind bekommt und seine:ihre Chancen auf einmal besser nutzt als zuvor. Aus einer gewissen Verzweiflung heraus und mit dem Gefühl, nichts mehr verlieren zu können, schwingt er:sie wie befreit durch und nimmt dem:der Spieler:in, der:die schon so nah am Sieg war, von einem Moment auf den anderen Punkt für Punkt ab.

Wenn jemand im dritten Satz 5:2 führt und das Match dann noch 5:7 verliert, liegt das allerdings in den meisten Fällen nicht nur an einer Sache. Es ist eher eine Verkettung ungünstiger Ereignisse, auf taktischer, möglicherweise auch physischer, mit hoher Wahrscheinlichkeit aber psychischer Ebene, die zu einem solchen Verlauf führt. Je näher wir der Zielgerade kommen (so der Eindruck), umso mehr baut sich in uns ein Druck auf, den Sieg souverän nach Hause zu bringen. Es ist nicht nur Einbildung, denn tatsächlich verändern sich ab diesem Moment auf psychischer Ebene unsere Gedanken: Während wir uns vom 3:2 bis zum 5:2 noch voll und ganz mit dem Spiel und unserer Taktik auseinandergesetzt hatten, fangen unsere Gedanken beim 5:2 nun wie von selbst an, sowohl in die Zukunft als auch in die Vergangenheit zu springen. Wir fangen an, darüber nachzudenken, wie wichtig uns dieser Sieg ja wäre. Oder unsere Gedanken verlieren sich darin, wie wir die letzten drei 5:2-Führungen noch in den Sand gesetzt haben. Entscheidend ist es, diese Facette unseres Denkens zu akzeptieren. Die sehr Guten unterscheidet von den Guten nicht, dass sie diese Gedankensprünge nicht erleben. Aber ihre Fähigkeit, sie zu erkennen, dass sie diese Gedankensprünge nicht erleben. Aber ihre Fähigkeit, sie zu erkennen und schnell zu korrigieren, ist weitaus höher.

Es gilt also aus Spielersicht, sich nicht damit aufzuhalten, sich über die Gedanken selbst zu ärgern oder sie sich wegzuwünschen, sondern die Verschiebung des Fokus` wahrzunehmen und souverän zu korrigieren. Beispielsweise indem man bewusst versucht, im Moment zu bleiben und sich gedanklich ausschließlich mit Details zu beschäftigen, die in dem aktuellen Moment eine Rolle spielen: Wie möchte ich den nächsten Spielzug gestalten, was ist meine konkrete Taktik für den kommenden Ballwechsel? Was kann ich aus dem letzten verlorenen Punkt lernen und besser machen? Wie nutze ich die Pause zwischen den Ballwechseln optimal, um mein Aktivierungsniveau zu regulieren? Tennis ist ein Spiel, das auf spielerischer und physischer Qualität basiert, in der Leistungsspitze aber zu einem wesentlichen Teil im Kopf entschieden wird. Wie ein:e Spieler:in mit den vielen kleinen und großen mentalen Herausforderungen – eben zum Beispiel mit dem Meistern der Gedankensprünge am Ende eines Satzes oder Matches – zurechtkommt, prägt seine Qualität.

Die konstruktive Analyse der eigenen Leistung

Auch auf die Aussage eines Endergebnisses bezogen, ist die Zählweise im Tennis speziell. So kann das tatsächliche Endergebnis eines Matches zeigen, wie knapp eine Partie war, muss es aber nicht tun. In einem Satz, der 6:3, 6:3 ausgegangen ist, kann die Punkteverteilung zugunsten von Spieler:in A völlig eindeutig gewesen sein. Es könnte bei gleichem Endergebnis aber auch der Fall gewesen sein, dass Spieler:in B in jedem Spiel mehrere Spielbälle hatte, vielleicht weitaus mehr als Spieler:in A, diese aber nie verwandeln konnte und somit das Match vom Spielstand her eindeutig verliert, obwohl der Spielverlauf unter genauerer Betrachtung deutlich enger zugegangen war, als es der Endstand von außen vermuten lässt. Zwar geht jeder gewonnene Punkt in die Wertung ein, für den Gewinn eines Spiels ist aber eine Akkumulierung von Punkten nach einem bestimmten Prinzip notwendig. So kann man ein Spiel durch vier aufeinanderfolgende Punkte kurz und schmerzlos nach wenigen Minuten oder sogar Sekunden zu null gewinnen, beispielsweise wie Daniil Medvedev 2019 im Achtelfinale des Mercedes Cup in Stuttgart auf Rasen, als er in 29 Sekunden sein Aufschlagspiel mit vier Assen durchservierte. Gleichzeitig könnte man aber ein Spiel verlieren, in dem man insgesamt 25 Punkte gemacht hat, am Ende aber nie zwei am Stück.

Entwicklung anhand von genauer und sinnvoller Spielanalyse

Aufgrund dieser Tatsache ist es für Trainer:in wie Spieler:in von enormer Bedeutung, Matches in jedem Falle nicht ausschließlich anhand ihrer Endergebnisse zu bewerten. Natürlich ist es unterm Strich wichtig zu schauen, wer gewonnen und wer verloren hat. Und man kann damit argumentieren, dass es keine Rolle spiele, wie ein Ergebnis zustande gekommen sei, da letztlich nur der Endstand zählt. Das mag auch für Außenstehende die einzig und allein entscheidende Variable sein. Aber wenn es darum geht, als Spieler:in zu wachsen, sich mental und spielerisch weiterzuentwickeln, aus Schlechtem zu lernen und Gutes weiter auszubauen, wenn es darum geht, auf dem eigenen Weg zu den individuell gesteckten Zielen voranzukommen (egal auf welchem Niveau!), dann basiert eine sinnvolle Spielanalyse auf der genauen Betrachtung, wie Spielstände und Spielverläufe entstanden sind. Das bedeutet zum Beispiel, zu interpretieren, wieso es – trotz zweier Spielbälle zum 4:1 im zweiten Satz – nachher trotzdem nur 3:2 stand. Welche Chancen wurden bei diesen Big Points vergeben? Und: auf welche Art und Weise? Es ist für das Match zweifelsfrei in ganz anderem Maße richtungsweisend, ob es bereits Satz und 4:1 oder Satz und eben nur 3:2 steht. Somit ist der Spielball zum 4:1 ein viel wichtigerer Punkt, als beispielsweise der Punkt zum 15:0 im ersten Spiel des zweiten Satzes. Beide Punkte haben gewissermaßen denselben Zählwert, aber der Punkt zum 4:1entscheidet maßgeblich darüber, wie der weitere Abschnitt des zweiten Satzes taktisch angegangen werden kann. Vom ersten Punkt im zweiten Satz kann das nicht behauptet werden.

Zurück zur Frage des Wie bei der vergebenen Chance beim 3:2: Servierte der:die Gegner:in bei den Spielbällen zwei enorm starke erste Aufschläge? War man also weitgehend chancenlos und hat sich nichts vorzuwerfen, muss man schlichtweg die spielerische Qualität des:der Gegners:Gegnerin in dieser Situation anerkennen? Oder hat man einen schwachen zweiten Aufschlag zweimal zu uncouragiert, zu kurz ins gegenüberliegende Feld returniert und den:die Gegner:in aufgrund der eigenen Passivität geradezu dazu eingeladen, zurück ins Spiel zu kommen? Wieso hat man trotz einer 5:2-Führung den Satz noch aus der Hand gegeben, welche Faktoren veränderten sich während der verlorenen Spiele im Vergleich zum vorangegangenen Ausbau der eigenen Führung? Was genau führte zu den konkreten Spielverläufen: auf taktischer, physischer und mentaler Ebene?

Es lohnt sich in jedem Falle, an dieser Stelle der Analyse Zeit zu investieren und hier ins Detail zu blicken, um mehr Aufschluss über das eigentliche Spiel und die Entstehung des Endstandes zu bekommen. Der Teufel liegt wie so oft im Detail. In den hier nur beispielhaft genannten Szenarien liegen zwei Welten an spielerischer und mentaler Qualität sehr nahe beieinander. Es gilt also, die wahren Hintergründe herauszufiltern, um wirklich spielerischen Fortschritt zu generieren.

Im entscheidenden Moment beim Wesentlichen bleiben können

Entscheidende Momente in einem Match zu erkennen, ist die Basis, um in ihnen optimal handeln zu können. Die Fähigkeit zu erkennen, wann es besonders wichtig ist, gewisse Dinge umzusetzen, ist gewiss ein Hauptcharakteristikum von Topspieler:innen. In diesen Momenten geht es um die richtige Einschätzung sowohl der Situation, der Tragweite des Spielstandes und des nächsten Punktes, als auch der eigenen Fähigkeiten unter Druck. Beim Stand von 5:5 im dritten Satz und 40:15 kann ein anderer Return gespielt beziehungsweise riskiert werden als bei 5:5 und 40:40. Es ist die Fähigkeit, Risiken und das eigene Können abzuschätzen, clever zu handeln, wenn es notwendig ist, und mutig zu sein, wenn es angemessen ist. Wichtig ist für Trainer:innen, ihren Spieler:innen hier ein adäquates Spielverständnis beizubringen, den Unterschied verschiedener Spielstände klarzumachen und spielerische Muster zu erarbeiten, diese Situationen je nach Zwischenstand mit unterschiedlich hohem Risiko zu lösen. All das ist eine Frage des Verständnisses – und des Trainings konkreter Schläge und Spielmuster.

Was ist überhaupt das Wesentliche?

Für die Spieler:innen ist auf mentaler Ebene wichtig, zentrale Spielsituationen einerseits zu erkennen und in ihnen andererseits im Kopf konzentriert und klar zu sein – trotz des hohen Drucks, unter dem sie in diesen Momenten stehen. Gefragt ist die Fähigkeit, cool zu bleiben, wenn es drauf ankommt und die richtigen Entscheidungen für sich zu treffen. Wie genau ein:e Spieler:in es schafft, in engen Spielsituationen ruhig und konzentriert zu bleiben, ist die eine Sache, die den Rahmen dieses Artikels sprengen würde. An dieser Stelle soll es um einen anderen Aspekt gehen, nämlich die Frage, was überhaupt das Wesentliche in besagten Augenblicken in einem Match ist? Wesentlich ist es zum Beispiel, unter Druck die Fähigkeit zu besitzen, bei der eigenen Taktik zu bleiben. Auch: einzelne Schläge und Spielzüge zu planen sowie die eigenen Ressourcen und Fähigkeiten an diesem Tag, in diesem Moment realistisch einschätzen zu können. Wichtig ist außerdem, Entscheidungen in kurzer Zeit zu treffen, basierend auf dem Matchverlauf und den eigenen bisherigen Erfahrungswerten in diesem Aufeinandertreffen; zudem dabei die Fähigkeiten und Neigungen des Gegners einzubeziehen. Wenn meine sonst so solide Rückhand die Linie hinunter heute in entscheidenden Momenten schon mehrfach zu Fehlern geführt hat, wage ich sie dann jetzt im Tiebreak des dritten Satzes trotzdem bei passender Gelegenheit noch einmal? Oder sollte ich besser akzeptieren, dass dieser Schlag heute eben nicht zum Erfolg führt und mich stattdessen damit befassen, was die beste Alternative ist? Hier spielt mit Sicherheit auch der individuelle Charakter des Agierenden eine Rolle, letztendlich muss der:die Spieler:in sich aber selbst kennen und die Lage realistisch einschätzen können.

Unwesentlich sind in einem solchen Moment hingegen all die Dinge, die mit dem konkreten Spiel nichts zu tun haben: Gedanken etwa über die Konsequenzen, die sich aus einem Ergebnis ergeben, oder Gedanken über die Erwartungshaltung anderer. Störend sind ebenso Vergleiche mit der Vergangenheit (es sei denn sie haben konkreten Nutzen für die Auswahl taktischer oder technischer Elemente in der aktuellen Situation) sowie hypothetische Ausblicke in die Zukunft. Im Großen und Ganzen könnte man sagen: Alles, was nichts konkret mit dem Hier und Jetzt zu tun hat, ist in diesen entscheidenden Momenten nicht wesentlich.

Was kann man beeinflussen und was nicht?

Ebenfalls wichtig ist die Fähigkeit, auch unter emotionaler Anspannung unterscheiden zu können zwischen dem, was in der eigenen Hand liegt, und dem, was sich dem eigenen Einfluss entzieht. Sich die eigene Strategie für den nächsten Ballwechsel zurecht zu legen, Geschwindigkeit und Zielfeld für einen wichtigen Aufschlag zu wählen, liegt in unserer Macht, die Qualität des gegnerischen Returns oder eine schlechte Schiedsrichterentscheidung im falschen Moment hingegen nicht. Auch hier zeichnet die Besseren aus, dass sie ihren Fokus schnell auf das Kontrollierbare zurückbringen und beim Wesentlichen bleiben können. Wer sich gedanklich zu lange mit Dingen aufhält, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegen oder sogar längst nicht mehr zu ändern sind, verschwendet Energie, die er:sie an anderer Stelle besser gebrauchen könnte.

Fazit

All das Beschriebene ist natürlich aus der Distanz leichter gesagt als im Match umgesetzt. Doch sich als Trainer:in und als Spieler:in mit den Wellen eines Matches und der Lenkung der eigenen Aufmerksamkeit besonders in engen Spielsituationen auseinanderzusetzen, ist ein entscheidender Bestandteil der Arbeit am eigenen Spiel. Das außergewöhnliche Zählsystem beim Tennis zu berücksichtigen, hilft dabei, Wendungen und Dynamiken, die in einem Match entstehen können, zu verstehen. Auf Basis dieses Verständnisses solche Dynamiken so gut wie möglich zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen, ist dann die hohe Kunst und macht in Ergänzung zu physischen, technischen und taktischen Fähigkeiten das Leistungsniveau aus.

Oft wird gesagt, Tennis werde zu 99% im Kopf entschieden. Aus meiner Sicht ist das so allerdings nicht korrekt. Ein Match wird in allererster Linie durch spielerische und physische Fähigkeiten entschieden. Auf spielerischer Seite sowohl durch technische Möglichkeiten als auch durch das taktische Spielverständnis und die Fähigkeit dieses zum eigenen Vorteil einzusetzen. Aber es ist völlig richtig zu sagen, dass mentale Fähigkeiten, wie sie in diesem Artikel beschrieben sind, zusätzlich zu diesen spielerischen und physischen Fähigkeiten enorm wichtig sind und die Qualität eines:einer Spielers:Spielerin entscheidend charakterisieren. Ohne die notwendige Qualität der Schläge und der physischen Voraussetzungen wie Explosivkraft, Ausdauer und Schnelligkeit kann ein Match allerdings ab einem gewissen Niveau nicht gewonnen werden. Aber allein durch diese Faktoren und ohne gut ausgebildete mentale Fähigkeiten eben auch nicht. Aus diesem Grund sollte konkretes Training im mentalen Bereich genauso frühzeitig, konsequent und strukturiert erfolgen wie die selbstverständliche Arbeit an der Schlagtechnik und an physischen Faktoren.

Foto: ©Getty Images

Laura Siegemund war Referentin bei der DTB-A-Trainer-Fortbildung 2017 in Göttingen. Ihr Vortrag "Matchspezifische psychische Anforderungssituationen meistern" steht in voller Länge im Trainerportal (hinter dem Login) zur Verfügung. Hier geht es zum Video.

 

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